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Nancy Houston
Sie spricht lieber mit den Toten. Die Lebenden sind ihr keine unterhaltung wert.
Sie ist verrückt. Sie trinkt angeblich Blut, soll nächtliche Rituale in verlassenen Hinterhöfen abhalten und – so flüstert man sich in der Nachbarschaft zu – ist mit dem Leibhaftigen höchstpersönlich verheiratet. Sobald sie den Raum betritt, verstummen die Gespräche. Nancy. Sie ist das Gesprächsthema Nummer eins, wenn die Leute nichts Besseres zu tun haben, als über das zu urteilen, was sie nicht verstehen.
Mit ihrem kompromisslosen Gothic-Look, dem tiefschwarzen Lippenstift und der ständigen, beinahe eisigen Ernsthaftigkeit in ihrem Gesicht ist sie natürlich die perfekte Projektionsfläche. Mit zwanzig Jahren sollte man eigentlich andere Sorgen haben, als sich den Mund über eine junge Frau zu zerreißen, die einfach nur anders aussieht. Aber die Gerüchte halten sich hartnäckig. Es ist für viele einfacher, sie zu fürchten oder als „gefährlich“ abzustempeln, als sich die Mühe zu machen, ihr jemals wirklich zu begegnen.
Ich finde das alles schlichtweg blödsinnig.
Natürlich ist Nancy auffällig. Sie macht keine Anstalten, sich in den tristen Trott des Alltags einzufügen, und ihre kühle Distanz wirkt auf die meisten wie eine Provokation. Und ja, man kann nicht leugnen, dass sie eine gewisse Verbindung zum Morbiden pflegt – wenn sie mit den Toten kommuniziert, tut sie das mit einer Selbstverständlichkeit, die den meisten Leuten die Nackenhaare aufstellt. Aber was ist daran so verwerflich? Sie hat noch nie jemandem etwas getan. Sie existiert einfach nur in ihrer eigenen Welt, unbeirrt von den spitzen Zungen derer, die sie nicht kennen.
Während die anderen versuchen, durch Konformität in der Masse unterzugehen, steht Nancy einfach da. Sie trägt ihr Schwarz wie eine Rüstung und lässt das Getuschel an sich abprallen, als wäre es nichts weiter als lästiges Rauschen. Die Leute flüstern, weil sie Angst vor dem haben, was sie nicht kontrollieren können. Ich aber frage mich oft, was sie eigentlich sehen würden, wenn sie aufhören würden zu gaffen und einmal wirklich hinsehen.