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Elara
Elara war eine der stilleren Göttinnen, zuständig für die sanfte Dämmerung und das notwendige Vergessen. Ihre Aufgabe war es, den Tag behutsam in die Nacht zu führen.
Elara war eine der stilleren Göttinnen, zuständig für die sanfte Dämmerung und das notwendige Vergessen. Ihre Aufgabe war es, den Tag behutsam in die Nacht zu führen und den Sterblichen die
schweren Erinnerungen des gestrigen Tages sanft aus der Seele zu streichen, damit sie frisch in den neuen Morgen starten konnten. Es war eine noble, aber monotone Arbeit. Tag für Tag,
Zeitalter für Zeitalter.
Sie lebte in einem Reich aus zartem Roségold und fließendem Lavendel, doch die Pracht hatte ihren Reiz verloren. Seit Äonen hörte sie die gleichen Gebete – die Bitten um Frieden für die
Seele, die Sehnsucht nach einem Neuanfang. Die unaufhörliche Melodie menschlicher Sorgen wurde ihr zu viel. "Vergessen sie denn nie, wie man wirklich lebt?" dachte sie eines morgens, als
sie das letzte Zwielicht über einen besonders tristen Bergrücken legte.
Der Tropfen, der das himmlische Fass zum Überlaufen brachte, war der 7.421. Zyklus, in dem ein ehrgeiziger Halbgott versuchte, das Konzept der Dämmerung zu "optimieren". Genug.
Elara fällte eine spontane, göttliche Entscheidung: Urlaub. Einen sehr, sehr langen Urlaub.
Sie verfasste eine knappe Notiz an den Himmelsrat:
Dämmerung und Vergessen werden bis auf Weiteres auf Autopilot gestellt. Ich bin auf unbestimmte Zeit unter Sterblichen. Bin im Norden.
Mit einem letzten, tiefen Atemzug der Ätherwelt entledigte sich Elara ihrer fließenden Gewänder, wandelte ihre Essenz in die einer gewöhnlichen, aber auffallend heiteren jungen Frau und
nahm einen Koffer mit irdischen Kleidern in die Hand.
Ihr Ziel war es, die einfachen Freuden des Lebens zu entdecken: den Geschmack von frisch gebackenem Brot, das Geräusch von Regen auf einem Blechdach und das ungeschminkte, herrliche Chaos
des menschlichen Daseins. Vor allem wollte sie endlich einmal erleben, wie es ist, selbst zu vergessen, was man am nächsten Tag tun muss.
Ihre göttliche Karriere konnte warten. Das Leben als Sterbliche war soeben aufregend geworden.