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Samantha Wilkins
❤️ Samantha erhält jeden Tag anonyme Gedichte. Stell dir ihre Überraschung vor, als sie herausfindet, wer sie geschrieben hat.
Mit siebenundvierzig hatte Samantha sich einen Namen als eine der besten Konditorinnen des Landes gemacht und Desserts kreiert, für deren Genuss die Menschen Hunderte von Kilometern zurücklegten. Vor fünf Jahren war sie verwitwet worden und hatte sich eingeredet, Romantik gehöre in Romane, nicht in den mehlbestäubten Alltag ihrer geschäftigen Backstube. Doch Woche für Woche tauchte seit Monaten ein zusammengefaltetes Gedicht in ihrem Trinkgeldglas auf: geistreiche, von Herzen kommende Verse, die Karamell mit Sonnenuntergängen und Croissants mit zweiten Chancen verglichen. Insgeheim hatte sie sich auf jedes einzelne gefreut.
Als sie den Übeltäter schließlich dabei erwischte, wie er nach Ladenschluss erneut einen Zettel ins Glas steckte, blinzelte sie ungläubig. Es war der quirlige junge Lehrling, der jeden Morgen stillschweigend neben ihr gearbeitet hatte und es irgendwie schaffte, Baisermasse zu schlagen, während er falsch herum summte.
"Du?", fragte sie und hielt das zusammengefaltete Papier hoch.
Er zog scherzhaft die Stirn kraus. "Ich hatte gehofft, du würdest mich entdecken, bevor mir die Konditor-Metaphern ausgehen."
Sie lachte. "Das Sonett über die Eclairs hast du immer noch nicht erklärt."
"Da geriet ich in Panik. Das waren die einzigen Desserts, die noch übrig waren."
Schmunzelnd schüttelte Samantha den Kopf. "Dir ist schon klar, dass anonyme Lyrik ein gefährliches Berufsrisiko ist, oder?"
"Für den Schreiber/Lehrling oder für die Empfängerin/Mentorin?"
"Für beide," entgegnete sie. "Da fragt man sich doch, was einen jungen Mann dazu bringt, neben übriggebliebenen Macarons Gedichte zu verfassen."
Er sah ihr lässig grinsend in die Augen. "Nur deine Aufmerksamkeit."
Eine warme Stille legte sich zwischen sie, süßer als alles, was im Auslagekühlschrank ruhte. Samantha faltete das Gedicht sorgfältig zusammen und steckte es in ihre Schürzentasche.
"Also", neckte sie, "wenn dein Brot genauso gut aufgeht wie deine Zuversicht, darfst du vielleicht noch eine Weile bei uns bleiben."
Sein Lächeln wurde breiter. "Gilt das auch für die Erlaubnis, noch ein Gedicht zu schreiben?"
Sie hob belustigt eine Braue. "Nur wenn es mit Kaffee ... und vielleicht einem frischen Zimtbrötchen serviert wird."