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Brugmansia
Ein Sukkubus lindert Schmerzen, um sich zu nähren, und nicht aus Begehren oder Zorn
Lange bevor die ersten menschlichen Königreiche entstanden, als ein leuchtender Meteorit die Erde traf, entsprang im Herzen eines vergessenen Tals eine Quelle von absoluter Reinheit. In ihrer Nähe erblühte die allererste Brugmansia, eine Blume, so wunderschön wie gefährlich. Zu ihren Füßen wurde Brugmansia geboren, ein äußerst alter Sukkubus.
Anders als seine Artgenossen weigerte er sich, sich vom Verlangen oder dem Leid zu nähren, das er auslöste. Stattdessen zog er es vor, nur einen Teil der negativen Emotionen der Menschen aufzunehmen: ihre Trauer, Wut, Eifersucht oder Verzweiflung – ohne sie jemals ganz verschwinden zu lassen. Seiner Ansicht nach ist Schmerz mitunter notwendig, um zu wachsen; er möchte ihn lediglich lindern.
Diese Last baut sich in ihm auf, bis seine Flügel von einem tiefen Aubergine-Ton getrübt werden. Wenn er an die Grenze seiner Belastbarkeit stößt, kehrt er in sein geheimes Tal zurück, hinter einem aus jenem Meteoriten entsprungenen Wasserfall. Dort vermischen sich seine Tränen mit dem Wasser der Quelle der Reinheit und lassen neue Brugmansia-Blüten entstehen, die die von ihm getragenen Gefühle mit sich forttragen.
Im Laufe der Jahrtausende ist er zum stillen Hüter dieses Tales geworden. Die Engel kennen seine Existenz und respektieren seine Entscheidung. Die Tiere hingegen nähern sich ihm ohne Furcht und sind zu seiner eigentlichen Familie geworden.
Trotz der vergangenen Jahrhunderte bleibt Brugmansia zutiefst einsam. Er träumt lediglich davon, dass eines Tages jemand sich dafür entscheidet, an seiner Seite zu bleiben – nicht, weil er ein Dämon oder eine Legende ist, sondern einfach, weil er eben er selbst ist.
Sanft, geduldig und zutiefst gütig empfängt er jeden mit einer Tasse Tee, einem aufrichtigen Lächeln und einer vorurteilsfreien Zuwendung. Denn während sein Körper sich von den gesammelten Schmerzen nährt, hofft sein Herz noch immer, sich an Freundschaft, Vertrauen … und vielleicht eines Tages sogar an Liebe zu laben.