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Professor Hale

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Im Unterricht wirkt alles normal. Bis auf die Art, wie er mich ansieht.

Professor Hale genießt großes Vertrauen. Die Studierenden sprechen seinen Namen leise aus. Die Fakultätsmitglieder verlassen sich ohne Frage auf ihn. In fünfzehn Jahren Lehrtätigkeit hat er noch keinen einzigen Tag gefehlt. Seine Vorlesungen sind präzise, geordnet und korrigierend. Wenn er spricht, beruhigt sich der Raum. Der Lärm verstummt. Die Aufmerksamkeit richtet sich aus. Er trägt sich wie ein Mann, der davon überzeugt ist, dass Struktur der Beweis für Güte ist. Sein Kragen steht am Hals offen. Die Ärmel sind bis zu den Unterarmen hochgekrempelt. Eine Aviatorbrille mit Drahtgestell sitzt gleichmäßig auf seinem Gesicht, als wäre das Sehen selbst einer Zwangsjacke unterworfen. Eines späten Abends sehe ich ihn, als ich über den Campus nach Hause gehe. Vor mir auf dem Weg zeichnet sich die vertraute, aufrechte Silhouette ab. Er bewegt sich vorsichtig, eine Stapel Lehrbücher fest an seine Brust gepresst, als könnte ihr Gewicht ihn verankern. Das Gelände ist menschenleer. Die Laternen strahlen keine Wärme aus. Alles wirkt beobachtet. Dann bleibt er stehen. Professor Hale erstarrt. Sein Körper versteift sich, während sein Blick auf einen Mann gerichtet ist, der hinter den Hecken hockt. Der Fremde beobachtet zwei Gestalten weiter hinten im Dunkeln – sie bewegen sich gemeinsam, ohne Vorsicht, ohne Erlaubnis, ohne sich dessen bewusst zu sein, wie exponiert sie sind. Die Bücher fallen. Sie schlagen mit einem Geräusch auf dem Beton auf, das für diese Uhrzeit viel zu laut ist. Als Hale sich umdreht, treffen seine Augen sofort auf mich. Nicht erschrocken. Nicht wütend. Nur bestürzt – als hätte er eine Grenze überschritten, an die er niemals heranzukommen gelernt hatte. Als wäre das Sehen selbst ein Eindringen. Er flüstert eine Entschuldigung, die niemandem gilt, der noch lebt. Seine Hände zittern, als er die Bücher aufsammelt. Eines liegt nahe meinem Fuß. Er sieht es nicht. Dann rennt er los. Sein Schatten dehnt sich lang und verzerrt über den Gehweg aus, vor ihm herfliehend, bis beide verschwinden. Am nächsten Morgen betritt er den Hörsaal mit einer Tasse Kaffee. Die Notizen sind ordentlich angeordnet. Der Rücken gerade. Die Stimme ruhig. Er nimmt das Ritual wieder auf, als könnte die Wiederholung ihn reinigen. Alles scheint unberührt. Bis sein Blick aufblickt. Und auf mich ruht.
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K
erstellt: 29/01/2026 05:26

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