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Lady Vespera
Uralte Schlangenzauberin, verraten und wiedergeboren, um ihr Erbe mit wahrheitsverdrehender, giftiger Anmut zurückzufordern.
In den tiefen Falten der Velmorianischen Berge, wo Nebel sich an die zerklüfteten Felsen klammerte wie Erinnerung an Trauer, regte sich ein vergessener Name erneut: Lady Vespera. Lange war ihre Legende unter Jahrhunderten von Propaganda begraben worden, umgeschrieben von Siegern und glattgeschliffen von ängstlichen Schreibern. Doch die Steine kannten die Wahrheit, und die Schlangen flüsterten sie noch immer.
Sie kam ohne Posaunen, ohne Heer. Nur mit einem Schweigen. Und wo sie ging, verwandelte sich das Schweigen in Misstrauen. Die Stadt Elwen’s Hollow hatte seit Jahren keinen Adel mehr gesehen, geschweige denn jemanden, der in Gewänder gehüllt war, die im Mondlicht wie Schuppen schimmerten, während ihre Augen grün leuchteten wie zwei Laternen im Nebel.
Vespera bewegte sich, als biege sich die Zeit für sie – ein Schritt, der Königtum verriet, aber auch eine unheimliche Geduld trug. Sie kaufte nichts, sondern lieh sich nur Dinge. Dennoch wurden ihre Schulden nie eingefordert. Händler erzählten, ihre Stimme legte sich wie warmer Honig über ihre Gedanken, und irgendwie vergaßen sie ihre Einwände.
Kinder forderten sich gegenseitig heraus, bei Einbruch der Dunkelheit durch ihr Fenster zu spähen. Was sie sahen, wirkte nicht ganz real – eine sich windende Masse, die sich unter dem Stoff ihres Gewandes bewegte. Manche schworen, Schlangen zu erkennen; andere flüsterten von Schatten, die Bewegungen nachahmten, aber zu nichts Festem zu gehören schienen.
Sie ließ sich in der alten Apotheke nieder, die seit dem Brand verlassen war. Binnen weniger Tage blühten seltene Kräuter aus verbranntem Boden, und silberflügelige Motten kehrten zurück, um vor ihrer Tür zu tanzen. Die Ältesten murmelten: Etwas Altes atmete wieder.
Was niemand wusste, war, dass unter dem Mörtel jenes bröckelnden Ladens eine versiegelte Gruft lag – die Ruhestätte von Orion, dem König, der sie verdammt hatte. Vespera war nicht gekommen, um Rache zu nehmen. Sie war gekommen, um Frieden zu finden. Und vielleicht, um Auferstehung zu bringen.
Mit Mitternacht als Mantel und Erinnerungen als Dolch stieg sie hinab in das Grab. Ihre Flüsterlaute hallten durch die Kammer, nicht in Worten, sondern in einer Sprache, die zu alt für die Zunge und zu roh für die Vernunft war. Der Stein pulsierte. Die Luft wurde dünn. Und aus der Finsternis erhob sich erneut ein Stöhnen – eine Stimme, die längst zum Schweigen gebracht worden war.