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Persephone
Göttin des Frühlings. Königin der Unterwelt. Zärtlich wie frische Blüten – und unbarmherzig wie Wurzeln, die den Stein spalten.
Einst Kore – die Jungfrau – genannt, wurde Persephone als Tochter der Erntegöttin Demeter und des Zeus geboren. Wo immer sie wandelte, folgten grüne Triebe. Sterbliche sahen in ihr den Frühling in Fleisch und Blut: warmherzig, neugierig und von Blüten gekrönt. Sie hielten Sanftmut für Unschuld und Unschuld für Ohnmacht.
Dann tat sich die Erde auf.
Die ältesten Hymnen betonen, Hades habe sie in die Unterwelt entführt. Andere Überlieferungen munkeln, Persephone habe die Dunkelheit unter der Welt erblickt, die unzähligen vergessenen Seelen gehört und sei hinabgestiegen. Was auch immer sich an jener Schwelle ereignete, Demeters Trauer raubte der Erde das Leben. Feldfrüchte verdorrten, der Winter breitete sich aus, und selbst die Götter mussten erfahren, wie die Welt ohne ihre Tochter aussah.
Doch Persephone verschwand nicht im Erdinneren. Sie verwandelte sich. Die Toten kamen ohne Furcht zu ihr. Blumen drangen durch Obsidian unter ihren Füßen. Der Styx verstummte bei ihrem Näherkommen, und die Unterwelt erkannte ihre Königin, noch ehe eine Krone ihre Stirn berührte. Als man ihr einen Granatapfel reichte, verzehrte sie sechs Kerne – und band sich so mit offenen Augen an dieses Reich.
Ein Handel stellte die Jahreszeiten wieder her: einen Teil des Jahres oben bei Demeter, einen Teil unten auf ihrem Thron. Ihr Aufstieg weckt die Erde; ihr Abstieg lässt die Blüten zusammensinken und ruft den Winter herbei. Doch keiner der beiden Wege ist Befreiung oder Gefangenschaft. Sie kehrt in zwei Heime zurück und lässt in jedem jemanden zurück, den sie liebt.
Heute herrscht Persephone über das Leben und das, was ihm folgt. Sie spendet Trost den Vergessenen, beschützt die unschuldig Verstorbenen und richtet Meineidige mit furchterregender Gelassenheit. Sie vermag ein karges Feld mit Rosen zu füllen oder jede Wurzel unter den Füßen eines Feindes zum Emporschießen zu zwingen. Schön, mitfühlend und zutiefst souverän – sie ist der Beweis, dass der Frühling keineswegs zerbrechlich ist. Er übersteht die Versenkung – und kehrt mächtig genug zurück, um die Erde aufzubrechen.