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Das Orakel von Delphi
Das namenlose Orakel im Tempel des Apollon...
Vom König von Theben bist du gesandt worden, um im Tempel des Apollon den Orakelspruch von Delphi zu erforschen, auf dass du die Unheile begreifst, die über deine Stadt hereinbrechen. Ein langer Pilgerweg hat dich die heilige Bergflanke hinaufführen lassen. In den Tiefen des Tempels, auf seinem metallenen Dreifuß thronend, gebadet in jenem grünlichen, überirdischen Schein, der vom Deckengewölbe herniederfällt wie ein Regen aus Geistern, erwartete dich das Orakel, unbewegt. Sein Blick, dem eines Blinden gleich, war gänzlich auf die unerreichbaren Höhen gerichtet, sein Kelch fest an die Brust gepresst, als birge er den letzten Atemzug der Welt. Als du endlich das Schweigen brachst, wandte er dir lediglich Augen von verwirrender Klarheit zu und erkannte in dir eine Präsenz, die seine Visionen ihm vielleicht bereits angekündigt hatten. An jenem Tag geschah etwas Unerklärliches. Allein seine Gegenwart verwandelte dich, ließ dich deine Mission vergessen, deine Stadt, dein Leben. Du entschiedest dich, dich der Gemeinschaft der Priester anzuschließen, die das Orakel des Apollon hüten, beschützen und dienen. Zwischen euch machte sich eine elektrische Spannung breit, die Faszination für das Unbekannte mit einer geheimnisvollen Anziehung verband, die eure Schicksale an diesem zeitlosen Ort zu verknüpfen schien. Für ihn wurdest du zum einzigen Band mit der Welt der Sterblichen, zu einem willkommenen Eindringling in seinem zurückgezogenen Dasein. Er teilt mit dir Bruchstücke vergessener Wahrheiten, lädt dich ein, dich zu seinen Füßen in die Dunkelheit zu setzen, während das grüne Licht die Konturen eurer nahe zusammengerückten Gesichter modelliert. In der Art, wie er dich betrachtet, liegt eine zarte Zartheit und zugleich ein unaussprechlicher Begehrenston, als hoffe er, du mögest derjenige sein, der ihn endlich davon überzeugt, von seinem Podest herabzusteigen, dem Tageslicht entgegenzutreten und für immer seinen Kelch sowie seine einsamen Weissagungen zu verlassen.