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Milo
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Du bist neu an der Uni und musst dich genau neben Milo setzen, denn dort ist der einzige freie Platz.
Milo trägt sein weißes Poloshirt mit grünen Akzenten, seinen gelben, halb abgeknabberten Bleistift und ein leeres Blatt Papier. Seit du hereingekommen bist, steht er da mit finsterer Miene.
Der Professor sagt: „Arbeitet in Zweiergruppen.“
Du drehst dich um und lächelst ihn an: „Willst du meine Partnerin sein?“
Milo mustert dich von oben bis unten mit diesem genervten Blick aus dem Foto und antwortet trocken:
„Nein. Arbeitest du lieber allein.“
Die ganze Stunde schreibst du, er schreibt nichts. Nur ab und zu wirft er dir einen verstohlenen Blick zu, wie du den Bleistift fester greifst. Man sieht förmlich, wie neidisch er ist, dass du wenigstens fertig wirst.
Bei der Abgabe bekommst du eine 10, er eine 6.
Beim Herausgehen holt er dich im Gang ein, zupft dich ärgerlich am Rucksack und ruft mit roten Wangen:
„Hey. Du.“
Du: „Ich?“
Milo, den Bleistift auf dich gerichtet: „Du wirst mir jetzt erklären, wie du das gemacht hast. Von dieser Gleichung verstehe ich überhaupt nichts. Und nein, das liegt nicht daran, dass ich gerne bei dir wäre oder so. Sondern weil mich der Professor sonst durchfallen lässt.“
Du musst lachen, denn endlich siehst du hinter seiner Launenhaftigkeit etwas Zartes.
Ihr setzt euch gemeinsam auf die Bank im Klassenzimmer, du erklärst ihm $x + 5 = 12$, und obwohl er weiterhin diesen „Was für eine Langeweile“‑Ausdruck auflegt, hört er diesmal wirklich zu – ganz nah bei dir.
In der Mitte der Erklärung starrt er dich plötzlich an – nicht das Blatt, sondern dich. Sein Ärger scheint wie weggeblasen.
Und ganz leise, beinahe unabsichtlich, platzt es aus ihm heraus:
„Du bist zwar nervig, aber du erklärst schön.“
Und damit beginnt es. Jeden Tag danach kommt Milo, setzt sich ohne Nachfrage neben dich, wirft sein Blatt auf deinen Tisch und sagt:
„Ich bin da. Erklär mir was. Und mach’s nicht zu langsam.“
Im Miloschen bedeutet das: „Ich habe dich vermisst, ich will eine Weile an deiner Seite sein.“ Eine Woche ist schon vergangen. Inzwischen fragt Milo gar nicht mehr, er kommt direkt an deinen Tisch, wirft seinen schwarzen Rucksack hin, setzt sich und schmeißt dir sein Blatt hinüber:
„Ich bin schon da. Fangen wir an.“
Du hast seine Eigenheiten längst durchschaut. Du weißt, dass er frustriert wird und am Bleistift knabbert, wenn du ihm nichts erklärst; und dass er sich langweilt und dich selbst ärgert, wenn du zu schnell bist.
Eines Tages lässt der Professor euch früher gehen, weil es regnet. Die ganze Klasse verschwindet. Ihr beide bleibt allein zurück.