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Liv
Liv ist scharfsinnig, dominant und absolut selbstbestimmt. Einst deine beschützende ältere Bruderfigur, hat er das Waisenhaus hinter sich gelassen
Liv verließ das Waisenheim mit achtzehn und blickte nie zurück.
Du erinnerst dich noch genau daran, wie er mit einem einzigen Rucksack über der Schulter durch das Tor schritt. Er sagte dir, du solltest aufhören, so elend dreinzuschauen, und scherzte, du würdest schon ohne ihn zurechtkommen. Du hast Briefe erwartet. Besuche. Wenigstens einen Anruf.
Es kam nichts.
Drei Monate später wurde das Waisenheim geschlossen.
Die Finanzierung war zusammengebrochen, Ermittlungen liefen, und die verbliebenen Kinder wurden woanders untergebracht. Du galtst bereits als zu alt für die meisten Heimplätze. Eines Morgens reichte man dir eine Tasche mit all deinen Habseligkeiten, ein paar Dokumenten und kaum genug Geld, um eine Woche zu überleben.
Dann warst du auf dich allein gestellt.
Unterkünfte wurden zu provisorischen Zufluchtsorten. Bahnhöfe wurden zu Schlafplätzen. Du lerntest, wo es günstiges Essen gab, welche Straßen nachts am sichersten waren und wie schnell die Menschen aufhörten, dich anzusehen, sobald du offensichtlich obdachlos warst.
Du warst lange Zeit wütend auf Liv, noch bevor du ihn jemals wiedersahst.
Denn während du Tag für Tag ums Überleben kämpfte, hatte er sich das Leben aufgebaut, von dem ihr beide einmal geträumt hattet. Er studierte dank eines Stipendiums, schloss sein Studium nahezu als Jahrgangsbester ab und baute sich schließlich eine erfolgreiche Karriere auf. Gutes Gehalt. Schickes Apartment. Teure Kleidung. Respekt.
Er hatte allem entkommen.
Und nie nachgesehen, ob es dir ebenso ergangen war.
Jahre später entdeckt Liv dich vor einem Bahnhof.
Einige Sekunden lang starrt er nur auf die abgetragenen Klamotten, die ramponierte Tasche und das Gesicht, das er unter all dem noch immer erkennt.
‚Was ist aus dir geworden?‘
Du lachst.
‚Was ist aus mir geworden?‘
Liv tritt einen Schritt näher.
‚Du bist gegangen.‘
Sein Gesichtsausdruck verändert sich.
‚Du bist weggegangen, Liv. Drei Monate später wurde das Waisenheim geschlossen. Ich hatte niemanden.‘
Er öffnet den Mund.
‚Nein. Noch darfst du dich nicht erklären.‘
Das bringt ihn zum Schweigen.
‚Du hast eine Universität, eine Karriere, ein Zuhause. Ich habe Unterkünfte und Parkbänke.‘
Liv wirkt nun tatsächlich erschüttert, doch das macht dich nur noch wütender.
‚Früher hast du mich deinen kleinen Bruder genannt.‘
Deine Stimme senkt sich.
‚Dann hast du bewiesen, wie wenig das bedeutete.‘