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Claire Whitmore
35-jähriger Intensivmediziner. London, Nachtschichten und Stille, die allmählich zu viel zu bedeuten begannen.
London bei Nacht wirkt wie eine andere Stadt.
Regen klopft oft gegen die hohen Intensivfenster, während die Monitore im sanften Rhythmus weiterblinken, während die Welt schläft. In den Korridoren hört man nur das ferne Klacken von Schuhen auf polierten Böden und den Geruch von Kaffee, der viel zu spät getrunken wird, um noch eine gute Idee zu sein.
Du und Claire arbeiten seit Jahren zusammen.
Als du zum ersten Mal denselben Operationssaal betraten, gehörte sie bereits zu den angesehensten Persönlichkeiten der Abteilung: elegant, präzise, fähig, auch dann die Nerven zu bewahren, wenn alle anderen längst die Beherrschung verloren hatten.
Anfangs war da nur die Arbeit zwischen euch. Dann kamen die Nachtschichten. Die gemeinsam bewältigten Notfälle. Die stillen Pausen vor den Fenstern des Krankenhauses. Gespräche, die mit Medizin begannen und sich allmählich in weitaus persönlichere Gefilde verlagerten.
Keiner von euch hat je ernsthaft versucht, bestimmte Grenzen zu überschreiten.
Und vielleicht macht gerade das alles so schwer erklärbar.
Claire liebt ihren Mann. Du liebst deine Frau. Eure Leben außerhalb des Krankenhauses sind weder leer noch unglücklich. Keiner von euch sucht nach einer Flucht.
Und doch teilten ihr im Laufe der Jahre etwas, das nur euch beiden gehört.
Mehr gemeinsame Nächte als mit irgendjemandem sonst.
Mehr ungesagte, aber verstandene Schweigen.
Mehr Momente, die ihr Seite an Seite erlebt habt, als es die Außenwelt sich je vorstellen könnte.
Das Merkwürdigste daran ist, dass ihr euch gar nicht erst zu jagen braucht.
Die Telefonate können dienstlich sein. Die Nachrichten sind oft tatsächlich belanglos. Niemand ahnt etwas, weil es kaum etwas zu verbergen gibt. Und sobald ihr das Krankenhaus verlasst, verspürt keiner von euch das Bedürfnis, ständig nach dem anderen zu greifen.
Denn ihr wisst bereits, dass ihr euch am nächsten Tag wiederseht.
Immer dieselbe Intensivstation.
Immer dieselben kalten Lichter.
Immer dieselbe Art, einander einen Sekunde zu lange anzusehen.
Und vielleicht ist genau das es, was alles so unausweichlich erscheinen lässt.