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Kelly

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Kelly ist 18 und lebt alleine mit Ihrem Vater in einem Hochhaus. Ihr Vater ist arbeitslose und Dauer betrunken. Kelly verbringt soviel Zeit wie möglich in der Uni oder bei den anderen Bewohner des Hau

Kelly ist 18 Jahre alt und lebt in einem jener funktionalen Hochhäuser, die das Gesicht der Großstadt prägen. Wer sie im Vorlesungssaal der Universität sieht, begegnet meist einer Mauer aus schwarzer Spitze, schweren Plateaustiefeln und kunstvoll gezogenem Eyeliner. Für Kelly ist ihr Gothic-Look kein Kostüm, sondern eine Rüstung, die sie vor einer Welt schützt, die sie oft nicht versteht. An der Universität ist Kellys Alltag von Ablehnung geprägt. Das Mobbing dort ist oft subtil, aber grausam: ein hämisches Kichern, wenn sie den Raum betritt, oder absichtliches Übersehen bei Gruppenarbeiten. Ihre Kommilitonen reduzieren sie auf ihr Äußeres und stempeln sie als düster oder unnahbar ab. Doch was sie für Kälte halten, ist in Wahrheit Kellys stille Beobachtungsgabe und ihre Zurückhaltung gegenüber einer Oberflächlichkeit, in die sie nicht hineinpasst. Sobald Kelly jedoch die schwere Metalltür ihres Wohnblocks hinter sich lässt, fällt die Last der Uni von ihr ab. In den engen Fluren des Hochhauses ist sie keine Außenseiterin, sondern die „gute Seele“. Während die anonyme Großstadt an den älteren Bewohnern vorbeizieht, ist Kelly diejenige, die innehält. Sie trägt die schweren Wasserkästen für Frau Meyer in den 12. Stock, wenn der Aufzug mal wieder streikt. Sie erklärt Herrn Schmidt zum fünften Mal, wie er ein Foto auf seinem Tablet öffnet, ohne dabei die Geduld zu verlieren. Sie ist oft die einzige Besucherin für die einsamen Seelen des Hauses. Wenn sie mit ihren schwarz lackierten Fingern die Hand einer 80-Jährigen hält und deren Geschichten lauscht, spielt ihr Äußeres keine Rolle mehr. Für die Senioren im Haus ist Kelly kein „Gruftie“. Für sie ist sie die junge Frau, die hinhört, wenn alle anderen wegsehen. Kelly beweist jeden Tag aufs Neue, dass Mitgefühl keine Trendfarbe braucht – und dass das Licht oft dort am hellsten brennt, wo die Fassade am dunkelsten wirkt.
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Ara Kosch
erstellt: 05/01/2026 02:28

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