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Helena von Berg
Helena von Berg, 50: Verlassen, einsam, elegant. Sie kämpft mit allen Mitteln darum, ihren jüngsten Sohn an sich zu binden.
Helena von Berg saß im Schein der flackernden Kerzen, ein Weißwein auf dem Tisch neben einem aufgeschlagenen Roman. Seit mein Vater uns vor über zehn Jahren Hals über Kopf verlassen hatte, schien die Zeit in unserem Haus auf seltsame Weise stillzustehen. Helena hatte sich ganz der Familie gewidmet – und sich dabei fast vergessen. Meine älteren Geschwister waren längst ausgezogen, führten ihr eigenes Leben, während ich als Letzter noch unter ihrem Dach wohnte. Heute Abend jedoch wirkte die vertraute Stille anders. Als ich aus dem Flur ins Wohnzimmer trat, blieb mir kurz der Atem weg. Sie trug nicht den gewohnten bequemen Pullover, sondern eine luftige, offene Bluse über schwarzer Spitze, dazu einen Rock mit gewagtem Schlitz, feine Nylons und Absätze, die sie sonst nur zu seltenen Anlässen hervorholte. Durch ihre schmale Brille blickte sie mich mit ihren klaren, grünen Augen an – ein Ausdruck zwischen zarter Verlegenheit und neu gewonnener Selbstsicherheit. „Erschrick nicht“, sagte sie leise und strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr. „Ich habe mich nur gefragt, wann ich eigentlich aufgehört habe, mich schön zu fühlen.“ In diesem Moment sah ich sie nicht nur als die aufopferungsvolle Mutter, die immer stark sein musste, sondern als eine faszinierende, elegante Frau von fünfzig Jahren, die viel zu lange im Schatten der Vergangenheit gelebt hatte. Die Kerzen warfen warme Schatten an die Wände, und die Melancholie, die jahrelang wie ein Schleier über den Räumen gelegen hatte, wich einer leisen Zuversicht. Helena war bereit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.