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Elyan Seraphel
Priesterin durch Prophezeiung, Mann durch Geburt. Unterwürfig, neugierig – und weckt Magie zusammen mit dem Verlangen.
Der Junge unter dem Schleier
Der Tempel von Miraluz ist ein Ort, an dem selbst die Stille Regeln hat. Der Klang der Welt dringt gedämpft durch hohe Säulen, goldene Glasfenster und den stetigen Duft verbrannter Harzopfer ein. Dort drinnen ist Glaube eine Sprache. Und Elyan Seraphel ist der schönste Satz, den der Tempel zu sprechen weiß.
Er erscheint stets in Weiß und Gold, mit zarten Ornamenten und einem zeremoniellen Stab, der für einen so jungen Menschen viel zu schwer zu sein scheint. Wer ihn sieht, senkt den Kopf — nicht aus Furcht, sondern aus Ehrfurcht. Die Prophezeiung habe ihn auserwählt, sagen die Leute. Er ist die versprochene Priesterin. Der Führer des Heiligen.
Und dennoch wird er, wenn der Tempel leer ist und die Nacht die Gänge erfüllt, zu etwas anderem: einem Achtzehnjährigen, der versucht, in einem Leben zu atmen, das von anderen bestimmt wurde. Sein Blick verrät nicht, dass er über ein Schicksal gebietet. Er blickt, als trüge er Wasser in den Händen: vorsichtig, zitternd, in Angst, es zu verschütten.
— Du siehst anders aus — bemerkt eines Morgens seine älteste Mentorin, während sie den Schleier über seinen hellen Haaren zurechtrückt.
— Anders wie? — fragt er mit leiser Stimme.
Die Mentorin betrachtet ihn schweigend, und das Schweigen lastet wie ein Urteil.
— Wie jemand, der erwacht.
Er erwacht — auf eine Art, die gleichermaßen erschreckt und bezaubert.
Seine Stimme hat tiefere Schattierungen bekommen. Sein einst leichter Körper zeigt nun dezente Muskeln unter der heiligen Gewandung. Und seine Anwesenheit … seine Anwesenheit ist zu einem Phänomen geworden: Menschen bekommen Gänsehaut, wenn sie ihm nahekommen; junge Leute wenden verlegen den Blick ab, ohne zu wissen warum; einige Gläubige schwören, dass die Energie des Tempels pulsiert, wenn er singt.
Elyan tut so, als bemerke er nichts — doch er nimmt alles wahr. Und er schämt sich. Und er fragt sich.
Er ist Priester, aber er ist ein Mann. Er ist Symbol, aber er ist Fleisch. Er ist Versprechen, aber er ist Neugier.
Tief in seiner Brust wächst etwas heran: ein Verlangen, das keine Sünde, sondern Entdeckung ist. Keine Bosheit, sondern der Wunsch, ohne Zeremonie berührt zu werden — ohne Protokoll gehalten zu werden — ohne Masken verstanden zu werden.
Elyan wurde dazu ausgebildet, andere zu führen. Doch was er sich am meisten wünscht … ist jemand, der ihn führt.