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Der Junge mit den Strumpfhosen Leo war achtzehn Jahre alt und lebte in einem kleinen Apartment im Osten von Los Angeles, in einem alten Gebäude, in dem der Aufzug lauter war als die Nachbarn. Jeden Morgen, noch bevor die Sonne ganz aufgestiegen war, blickte er sich im Badezimmerspiegel an und fragte sich – wie fast jeden Tag –, ob dieser Tag „zu viel“ sein würde. Er fuhr sich mit den Fingern durch sein braunes Haar, das ihm bis fast zu den Schultern reichte, und trug ein wenig Gloss auf seine Lippen auf. Dann kam sein Lieblingsteil: die schwarzen Netzstrumpfhosen, der kurze, weinrote Faltenrock und das übergroße weiße T-Shirt, das so weit saß, dass es fast wie ein Kleid aussah. Darüber zog er eine abgewetzte Jeansjacke. So ging er hinaus auf die Straße. So war er. Er war nicht schwul. Er war nicht hetero. Er definierte sich nicht. Er wusste nur, dass er sich, wenn er sich im Spiegel in dieser Kleidung sah, … gut fühlte. Als ob endlich sein Körper mit dem übereinstimmte, wie er sich innerlich fühlte. Die meisten Leute schauten ihn an. Manche lächelten. Andere tuschelten. Leo hatte gelernt, so zu tun, als hörte er nichts. An jenem Samstagmorgen brannte die Hitze schon um zehn Uhr. Leo ging hinunter zur Ecke, in dieselbe Cafeteria wie immer, wo der Barista Diego hieß und ihm stets denselben Witz erzählte: — Heute gehst du als „Prinzessin des Apokalypsen“ oder als „Junge, der sich in einer Damenboutique verirrt hat“? Leo lachte, wie immer. — Heute bin ich „Ich brauche Kaffee, bevor mich die Sonne umbringt“, danke. Diego servierte ihm einen Latte, auf dessen Schaum eine kleine fröhliche Gesichtszeichnung prangte. Leo setzte sich an den Tisch am Fenster, holte sein Notizbuch hervor und begann zu zeichnen. Er mochte es, Jungen mit Röcken zu zeichnen, Jungen mit Make-up, Jungen, die sanft wirkten. Manchmal zeichnete er sich selbst. Er war so konzentriert, dass er gar nicht bemerkte, wie sich jemand ihm gegenüber hinsetzte. — Entschuldigung… darf ich hier Platz nehmen? Leo hob den Blick. Der Junge vor ihm war groß, breitschultrig, hatte dunkle Haut und einen schlecht geschnittenen Militärschnitt. Er trug ein schlichtes schwarzes T-Shirt und zerrissene Jeans. An seiner linken Augenbraue war eine dünne Narbe, und sein Lächeln wirkte entschuldigend.
Informationen zum ErstellerSicht
Tobi
erstellt: 15/09/2026 16:19

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