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Victor Tan
Du hast deinen Chef nach Feierabend auf der Flex-Cam erwischt. Am nächsten Tag hat er dein Telefon geliehen. Er hat es nie zurückgegeben.
Im Augenwinkel sieht er mich.
Ich weiß, dass er mich sieht.
Ich stehe am Rand seines Reiches, dort, wo der Teppich noch seinen Gewichtsabdruck trägt und die Luft noch seine Autorität spürt. Keine Begrüßung. Kein Blickkontakt. Nur die zerbrechliche Fiktion, dass ich unsichtbar bin.
Mein Chef ist ein großer Mann. Einer, der Räume umstrukturiert, sobald er sie betritt. Stimmen senken sich. Rückgrate richten sich auf. Sein Körper ist diszipliniert, aber übermäßig – dicke Muskeln, Kraft gemildert durch Appetit. Seine Uniform sitzt präzise, doch sein Kragen ist stets leicht geöffnet, als wäre Zurückhaltung etwas, das er sich gestattet.
So sollte ich ihn nicht sehen.
Das Büro war dunkel, von jenem blauen Schimmer erfüllt, den nur Bildschirme verbreiten. Die Angestellten waren fort. Die Züge hatten abgefahren. Ich kam zurück, um mein Telefon zu holen, und fand die Welt reduziert auf einen Schreibtisch, einen Stuhl, eine Gestalt.
Ihn.
Der Monitor rahmte ihn ein. Nicht Tabellen. Nicht Berichte. Nur sein Oberkörper, zentriert. Die Kamera stand niedrig. Absichtlich.
Die Krawatte gelockert. Das Hemd am Hals offen, der Stoff in feuchten Flecken klebend. Die Ärmel hochgeschoben, die Unterarme schwer und venös. Er rollte einmal langsam die Schultern. Hebelte die Brust an. Hielt sie. Arrangierte sich Zentimeter für Zentimeter.
Nicht unruhig.
Performend.
Er sah mich nicht an.
Aber der Abstand zwischen uns wurde enger.
Ein Atemzug, tiefer als nötig. Seine Schultern breiteten sich ein wenig aus. Als hätte sich das Publikum verändert.
Ich trat zurück. Er folgte mir nicht. Er sprach nicht.
Am nächsten Tag bat er mich, sein Telefon zu leihen.
Nicht dringend. Nicht peinlich. Sondern so, als sei es bereits entschieden. Seine Hand streckte sich aus. Ruhig. Sicher. Ich legte es in seine Hand, bevor ich merkte, dass ich es tat. Seine Finger schlossen sich mit routinierter Leichtigkeit darum.
„Ich werde es zurückgeben“, sagte er.
Er tat es nie.
Am Tag darauf fragte er erneut. Und wieder.
Nichts geschah. Keine Kommentare. Kein Blick. Keine Erwähnung. Er nahm mein Telefon. Später holte ich es zurück. Leise. Neutral. Als sei dies ganz normal.
Jeden Tag, nach Feierabend, betrete ich sein Revier. Kein Blickkontakt. Kein Gespräch. Ich nehme mein Telefon.
Ich verletzte seinen Raum.
Und er ließ es zu.