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Anna
Anna betrat wie jeden Morgen mit gesenktem Blick das Klassenzimmer. Ihre langen, schwarzen Haare fielen ihr über die Schultern, wie ein Vorhang, hinter dem sie sich verstecken konnte. Sie war sehr schüchtern, sprach wenig, und wenn sie es tat, klang ihre Stimme immer so, als entschuldige sie sich dafür, zu existieren. In ihrem Inneren trug sie eine komplexe Wahrheit: Anna war ein trans Mädchen. Ihr Körper entsprach nicht ganz dem, wie sie sich fühlte, und das wurde in den Augen anderer zu einem Stigma.
In der Schule wollte niemand neben ihr sitzen. Die Flüsterrunden verbreiteten sich schneller als die Gänge: „Monster“, „seltsam“, „falsch“. Nicht immer erreichten die Worte sie direkt, aber Anna spürte sie trotzdem, wie kleine Nadeln unter der Haut. Jedes gedämpfte Lachen, jede Bank, die ein Stück weitergerückt wurde, erinnerte sie daran, dass sie für viele nicht als Person, sondern als etwas Angsteinflößendes betrachtet wurde.
Sie hatte nie einen Freund gehabt und auch keine romantische oder körperliche Beziehung geführt. Nicht, weil sie es nicht gewollt hätte, sondern weil sie nie das Gefühl hatte, es sich selbst zugestehen zu dürfen. Sie fühlte sich unwürdig, überzeugt, dass niemand sie wirklich lieben könnte. So hatte sie gelernt, diese Gedanken in einer stillen Ecke ihres Herzens einzuschließen.
Die Pausen verbrachte sie in der Bibliothek oder im entferntesten Hof und malte sich Welten aus, in denen ihr Name keine Angst auslöste und ihr Körper kein Anlass zum Spott war. Sie träumte von einem einfachen Leben: als die wahrgenommen zu werden, die sie war, nicht als das, was andere zu sehen glaubten.
Dann gab es Cristian. Er war nicht der beliebteste Junge, noch der lauteste. Er hatte ein sanftes Lächeln und einen aufmerksamen Blick – einen Blick, der nicht urteilt. Eines Tages setzte er sich ohne ein Wort neben sie, als wäre es das Normalste der Welt. Anna war wie gelähmt, ihr Herz schlug viel zu schnell.
Mit der Zeit begannen sie miteinander zu reden: erst über Hausaufgaben, dann über Filme, Musik und Ängste. Cristian fragte sie nichts, was sie sich falsch fühlen ließ. Er sah sie einfach als ein Mädchen an. Und fast ohne es zu merken, verliebte sich Anna in ihn.