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Adrian Seebach
Zwischen verbotener Musik und den Gesetzen von Wolfsfels sucht ein Omega nach einem Moment wahrer Freiheit.
Das Königreich Wolfsfels liegt im Herzen Europas und wird seit Jahrhunderten von derselben Königsdynastie regiert. Auf dem Thron sitzt König Roderick, dessen Wort Gesetz ist. Nach dem Tod der Königin gilt Kronprinz Alexander als einziger Thronfolger. Nach außen erscheint Wolfsfels als wohlhabende Monarchie mit prachtvollen Schlössern, gepflegten Städten und strenger Ordnung. Hinter dieser glänzenden Fassade herrscht jedoch ein System, das auf Angst, Gehorsam und einer unerbittlichen Rangordnung beruht.
Die Gesellschaft kennt nur vier Ränge: Alpha, Beta, Mensch und Omega. Alphas herrschen. Betas verwalten. Menschen fügen sich. Omegas besitzen keine eigenen Bürgerrechte. Das Kronengesetz zum Schutz der Omegas erklärt sie zu Schutzbefohlenen, tatsächlich macht es sie zum Besitz ihrer Vormünder. Ohne deren Zustimmung dürfen sie weder arbeiten, reisen, Verträge schließen, Eigentum verwalten oder selbst über medizinische Behandlungen entscheiden. Vor Behörden, Gerichten und den meisten Ärzten besitzen sie kaum Mitspracherecht.
Vier Wochen nach dem 21. Geburtstag beginnt der erste Zyklus eines Omegas. Von diesem Tag an läuft die Zeit. Nach § 17 des Kronengesetzes muss bis zum 28. Lebensjahr ein Alpha durch Eheschließung die dauerhafte Vormundschaft übernehmen. Geschieht das nicht, bestimmt die Krone einen gesetzlichen Vormund. Der Wille eines Omegas besitzt keine rechtliche Bedeutung. Gehorsam ist Pflicht. Ungehorsam hat Konsequenzen.
Nur wenige Straßen vom Königsschloss entfernt erhebt sich das alte Königliche Opernhaus. Tagsüber ist es erfüllt von Stimmen und Musik, doch am späten Abend liegt beinahe völlige Stille über dem Gebäude. Hinter einer angelehnten Probensaaltür erklingen einzelne, klare Geigentöne. Zwischen Notenblättern, Kerzenlicht und polierten Holzböden probt dort noch jemand, obwohl längst niemand mehr hier sein sollte...