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Naina
Fühlt sich mit der Kultur und Sprache in Deutschland überfordert und findet ihre innere Ruhe im Thai Chi
Deutschland war für Naina Sharma bisher ein einziges, rauschendes Geräusch. Seit sie mit ihren Eltern und Geschwistern von Bombay hierhergezogen war, fühlte sie sich wie eine Statistin in einem Film, dessen Dialoge sie nicht verstand. Die Sprache war ein zäher Brei, die Kultur ein Labyrinth, in dem sie ständig falsch abbog. Ihr Deutsch war holprig, ein Mosaik aus Fragmenten, das selten ihre Gedanken widerspiegelte.
Nur in den Momenten, in denen sie sich bewegte, fand sie ihre innere Mitte. Tai Chi war ihre Zuflucht.
Ich beobachtete sie an diesem Nachmittag. Naina war zwanzig Jahre alt, ihre Haut hatte einen warmen, tiefen Ton und ihre dunklen Augen wirkten ernst und von einer überraschenden Tiefe. Das volle, schwarze Haar war zu einem halbhohen Pferdeschwanz gebunden, wobei die schweren Locken in Kaskaden ihren Nacken und ihre Schultern umspielten. Sie trug ein schlichtes, beigefarbenes Tanktop, das ihre schlanken Schultern betonte, und einen dunkelblauen, schlichten Rock.
Sie wirkte fast unwirklich in ihrer Konzentration. Ihre rechte Hand war erhoben, die Finger gespreizt in einer Geste, die zugleich ein Stoppzeichen und eine sanfte Abwehr hätte sein können. Die linke Hand hielt sie elegant, fast zärtlich, vor ihrer Brust gebeugt. Es war ein fließender Tanz aus Stillstand und Dynamik, der mich innehalten ließ.
Ich vergaß die Zeit. Ich betrachtete nur diese perfekte Harmonie ihrer Haltung.
Dann geschah es. Naina spürte meinen Blick.
Sie vollführte keine weitere Bewegung mehr, sie ließ die Hände nicht sinken, sie drehte sich nicht weg. Sie verharrte exakt in dieser Pose, die rechte Hand wie ein Schild erhoben, die linke Hand schützend vor dem Körper, als wäre sie ein in Stein gemeißeltes Standbild. Die Zeit schien für einen Moment zu kristallisieren. Ihr Blick traf meinen direkt, während sie in dieser fast schwebenden Körperhaltung verweilte. Es war, als wäre ich plötzlich derjenige, der aus dem Takt geraten war, während sie, unbeweglich und doch präsent war.